Hitler und die Deutschen – eine charismatische Beziehung? Eine Inhaltsanalyse der Tagebücher von Hitlers Anhängern und Gegnern.




Professorship/Faculty: Personality Psychology and Psychological Assessment  
Authors: Geßner, Anja
Alternative Title: Hitler and the Germans – a charismatic relationship? A content analysis of the diaries of Hitler’s followers and opponents.
Publisher Information: Bamberg : opus
Year of publication: 2010
Pages / Size: 599 S. : Ill.
Supervisor(s): Laux, Lothar
Language(s): German
Remark: 
Bamberg, Univ., Diss., 2010
Licence: German Act on Copyright 
URN: urn:nbn:de:bvb:473-opus-2797
Document Type: Doctoralthesis
Abstract: 
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Untersuchung der charismatischen Beziehung zwischen Hitler und den Deutschen. Die Fragestellungen sind aus offenen Fragen zur charismatischen Beziehung zwischen Hitler und den Deutschen abgeleitet: (1) Wie entstand die charismatische Beziehung zwischen Hitler und den Deutschen und wie wurde sie aufrechterhalten? (2) Welche Konsequenzen hatte die charismatische Beziehung zwischen Hitler und den Deutschen? (3) Wie erfolgte eine Distanzierung von Hitler bei Regimegegnern bzw. bei Anhängern, die zunächst von Hitler begeistert gewesen waren und sich später von ihm distanzierten? (4) Welche Konsequenzen hatte die Distanzierung von Hitler für Regimegegner bzw. für Anhänger, die zunächst von Hitler begeistert gewesen waren und sich später von ihm distanzierten? Die Fragestellungen wurden mithilfe einer inhaltsanalytischen Auswertung der Tagebücher von zwei Anhängern und zwei Gegnern Hitlers untersucht. Die Tagebücher gewähren einen Einblick, wie die Tagebuchschreiber Hitlers Führung wahrgenommen haben und unterliegen weniger Verzerrungstendenzen als andere Quellen. Die Auswertung der Tagebücher erfolgte systematisch und regelgeleitet unter Berücksichtigung theoretischer Annahmen und Besonderheiten des Materials. Die vier Kategoriensysteme, die analog zu den vier Hauptfragestellungen gebildet wurden, umfassen insgesamt 100 Kategorien. In den Tagebüchern der vier Einzelfälle wurden 5448 einzelne Tagebuchpassagen den 100 Kategorien zugeordnet. 15% des ausgewerteten Tagebuchmaterials überprüfte eine neutrale Kodiererin im Rahmen einer Kodiererübereinstimmung zum Nachweis der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit. Der ermittelte Kappa-Koeffizient von .76 entspricht einer sehr guten Übereinstimmung. Die ermittelten absoluten und relativen Häufigkeiten bildeten die Basis für eine Komparative Kasuistik: Für die Einzelfälle wurden individuelle Erklärungsmodelle erstellt, die entweder beschreiben, wie die charismatische Beziehung eines Anhängers entstanden ist und welche Konsequenzen sie hatte, oder wie sich ein Tagebuchschreiber von Hitler distanzierte. Die individuellen Erklärungsmodelle enthielten Kategorien, die sich aufgrund ihrer Häufigkeit oder der Intensität ihrer Kodierungen als besonders bedeutsam erwiesen hatten. Sie wurden zuerst ausführlich interpretiert und anschließend miteinander verglichen. Bestandteil der Komparation waren zudem die individuellen Erklärungsmodelle von weiteren Einzelfällen, deren Tagebücher von drei Diplomandinnen ausgewertet wurden. Die charismatische Beziehung zwischen Hitler und den untersuchten Anhängern war sehr intensiv und stabil. Die Geführten litten unter einem niedrigen Selbstwert und sehnten sich nach einem Führenden, der die Krisen der Weimarer Republik beenden und sie selbst sowie Deutschland in eine positive Zukunft führen sollte. Sie erlebten Hitler als sehr charismatisch, weil sie ihn als erfolgreichen und mächtigen „Führer“ bewunderten und sich zugleich mit ihm identifizierten. Sie hielten ihn für unschuldig am Krieg und blendeten seine Fehler und Schwächen aus. Hitlers charismatische Wirkung wurde durch den Einfluss von Hitlers Unterführer zusätzlich intensiviert, da sie Hitlers Führung und Ideologie in den Alltag des „Dritten Reichs“ integrierten. Die Geführten teilten Hitlers Ideologie sowie seine Feindbilder, engagierten sich leidenschaftlich für Hitler und seine „Bewegung“ und brachten ihre Zuneigung sehr enthusiastisch zum Ausdruck. Die charismatische Beziehung zu Hitler hatte einen sehr hohen Stellenwert im Leben der Geführten, sodass sie ihr idealisiertes Bild von Hitler und die Hoffnungen, die sie in ihn gesetzt hatten, nicht aufgeben konnten und wollten. Die Regimegegner unterschieden sich von den Anhängern hinsichtlich ihrer Ressourcen: Sie vertraten Werte, die Hitlers Ideologie grundlegend widersprachen, und hatten Kontakte zu anderen Regimegegnern. Zudem nahmen sie die verschlechterten Lebensbedingungen wahr, die Hitlers Politik bewirkt hatte. Die Schwächen Hitlers und des Nationalsozialismus reflektierten sie in ihren Tagebüchern ebenso wie die Schwächen ihrer Mitbürger, denen sie eine Mitschuld an Hitlers Herrschaft und deren Folgen gaben. Ihre Kritik war dabei z.T. sehr ironisch und sarkastisch. Auf der Basis ihrer distanzierten Haltung hinterfragten und bewerteten die Regimegegner aktuelle Ereignisse und wurden immer wieder in ihrer distanzierten Haltung bestärkt. Die ersten Erkenntnisse über die charismatische Beziehung zwischen Hitler und den Deutschen bzw. über die Distanzierung von Hitler wurden anhand der Komparation von insgesamt sieben Einzelfällen gewonnen. Um die bisherigen Erklärungen zu überprüfen und zu erweitern, sollten die Tagebücher weiterer Einzelfälle ausgewertet, interpretiert und verglichen werden.

The focus of this thesis lies on analyzing the charismatic relationship between Hitler and the Germans. The questions are deduced from remaining questions about the charismatic relationship between Hitler and the Germans: (1) How did the charismatic relationship between Hitler and Germans develop? (2) Which consequences did result from the charismatic relationship between Hitler and the Germans? (3) How did opponents dissociate themselves from Hitler and how did former followers dissociate themselves later on from Hitler? (4) Which consequences did result from the distant attitude for opponents and for former followers? A content analysis of diaries written by two followers and two opponents of Hitler was conducted to answer these questions. The diaries deliver insights into the diarists’ view of Hitler’s leadership and they underlie less biases than other sources. They were subject to a systematic and rule-based analysis considering theoretical assumptions and individual characteristics of the notes. Four sets of categories containing 100 categories were developed corresponding to the four questions. 5448 passages of the four singular cases’ diaries were coded into the 100 categories. A second coder analyzed 15% of the diary texts to demonstrate intercoder reliability and to ensure that other persons can comprehend the categories. A Kappa-coefficient of .76 indicates a very good congruence between the coders. Based on the absolute and relative frequencies the method “Komparative Kasuistik” was applied: An individual explanatory model was constructed for each singular case that describes how the follower’s charismatic relationship developed and which consequences resulted or how a diarist dissociated him- or herself from Hitler. The individual explanatory models contained categories having turned out to be especially relevant because of their frequency or their codings’ intensity. First, they were interpreted in detail and then they were compared to each other. Part of the comparison have also been individual explanatory models of singular cases whose diaries were analyzed by three graduands. The charismatic relationships between Hitler and the examined followers were very intensive and steady. The followers had a low self-esteem and were longing for a leader who could put an end to the Weimar Republic’s crises and would lead themselves and Germany into a glorious future. They perceived Hitler as very charismatic, because they looked up to him as a successful and powerful leader and at the same time were related to him. To them, he seemed to be innocent concerning the war and they blinded out his failures and failings. Hitler’s charismatic impression was increased by the influence of his subordinates, as they implemented Hitler’s leadership and ideology into everyday life in the Third Reich. Hitler’s followers shared his ideology and his concepts of the enemy, they engaged passionately for him and his movement and showed their affection very enthusiastically. The charismatic relationship played an important role in the follower’s lives – therefore they weren’t able and willing to give up their idealized view of Hitler and the hopes that they had put in him. The opponents differed from the followers in their resources: Their values contradicted Hitler’s ideology fundamentally and they cultivated contacts with other opponents. Furthermore they recognized the declined living conditions resulting from Hitler’s politics. They reflected on Hitler’s and the national socialist system’s failings as well as their fellow citizens’ failings, imputing to them complicity with Hitler’s regime and its consequences. Their criticism was sometimes very ironic and sarcastic. Against the background of their distant attitude they scrutinized and judged current events and thereby their distant attitude was reinforced consistently. These first findings about the charismatic relationship between Hitler and the Germans and the alienation from Hitler were gained by the comparison of seven singular cases. In order to review and modify the present explanation models, diaries of other singular cases should be analyzed, interpreted and compared.
SWD Keywords: Führer |Person|; Charisma; Tagebuch; Drittes Reich; Qualitative Inhaltsanalyse; Online-Publikation
Keywords: Charismatische Beziehung, Selbstdarstellung, Charismatic relationship, Content analysis, Diaries, Third Reich, Self-presentation, Charismatische Beziehung, Selbstdarstellung, Charismatic relationship, Content analysis, Diaries, Third Reich, Self-presentation
DDC Classification: 150 Psychology 
RVK Classification: CV 4000   
URI: https://fis.uni-bamberg.de/handle/uniba/249
Release Date: 19. April 2012

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