Buchner, Ursula GiselaUrsula GiselaBuchner2019-09-192016-04-212016978-3-86309-391-4978-3-86309-392-1https://fis.uni-bamberg.de/handle/uniba/40140Zugl.: Bamberg, Univ., kumulative Diss., 2015Hintergrund In Deutschland ist das Angebot an Glücksspielen in den vergangenen zehn Jahren aufgrund der Änderung zahlreicher Rahmenbedingungen massiv gestiegen. Parallel dazu hat auch die Anzahl Hilfesuchender in Suchtberatungsstellen und stationären Einrichtungen stark zugenommen. Das Krankheitsbild Störung durch Glücksspielen (Disordered Gambling; DG) ist somit verstärkt in den Fokus von Forschung und Praxis gelangt. Für mitbetroffene Angehörige gibt es nach wie vor nur wenige Unterstützungsmöglichkeiten und keine evaluierten Angebote. Dies trifft nicht nur auf den deutschsprachigen Raum zu, auch international besteht diese Lücke. Dabei ist es essentiell, auch dieser Gruppe adäquate Unterstützung anzubieten, denn die Betroffenen befinden sich häufig in hoch belastenden Lebensumständen. Das Ziel der hier vorliegenden Arbeit besteht darin, Unterstützungsmöglichkeiten für Angehörige von problematischen und pathologischen Glücksspielerinnen und Glücksspielern (PSG) zu entwickeln und zu bewerten. Methode Als Grundlage der Arbeit wurden Strukturmerkmale des Versorgungs-systems für PSG analysiert, da die Versorgung der Angehörigen grundsätzlich im gleichen System stattfindet. Ausgehend von aktuellen Erkenntnissen zur Angehörigenarbeit bei psychischen Erkrankungen im Allgemeinen und bei Suchterkrankungen im Speziellen wurden zwei Programme entwickelt, die jeweils auf einem psychoedukativen Konzept beruhen und explizit den Bedarf der Angehörigen fokussieren. Das Entlastungstraining für Angehörige von problematischen und pathologischen Glücksspielern – psychoedukativ“ (ETAPPE) wurde als Gruppenangebot in insgesamt sechs Standorten bayernweit getestet. Um vorhandene Zugangsbarrieren zum Hilfesystem abzubauen und möglichst vielen betroffenen Angehörigen eine Unterstützung anbieten zu können, wurde in der Folge das E-Mental-Health-Programm „Verspiel nicht mein Leben“ – Entlastung für Angehörige (EfA) entwickelt und die Erreichbarkeit der Zielgruppe in einer Machbarkeitsstudie untersucht. Ergebnisse Studie 1: Analyse des stationären Versorgungssystems In Deutschland findet die stationäre Rehabilitation von PSG je nach angenommener Ätiologie (Sucht versus Impulskontrollstörung) in einer Einrichtung mit einer Sucht- oder einer psychosomatischen Abteilung statt. Das Versorgungssystem ist strukturell ausdifferenziert und in das bestehende Hilfesystem eingebettet. Im Jahr 2011 wurden insgesamt 2.229 PSG stationär behandelt. Ein Großteil davon (90 %) war männlich, die meisten behandelten PSG (93 %) hatten mindestens eine komorbide Erkrankung. Der Zugang zur stationären Rehabilitation wurde zumeist über eine Beratungsstelle initiiert. Die Analyse zeigt, dass auf Sucht spezialisierte Einrichtungen weniger PSG pro Jahr behandeln als Ein-richtungen mit einer psychosomatischen Abteilung oder beiden Abtei-lungen (29,3 PSG versus 53,3 PSG versus 76,4 PSG). Einige Einrichtungen sind auf DG spezialisiert und behandeln dementsprechend mehr PSG, haben einen höheren Anteil an PSG an allen Patientinnen und Patienten und bieten spezialisierte Behandlungsprogramme an. Der Einfluss dieser Spezialisierung auf das Behandlungsergebnis ist derzeit allerdings unklar. Die Versorgung von Angehörigen findet bislang, wenn überhaupt, als ergänzendes Angebot im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen für PSG statt. Ergebnisse Studie 2: Entwicklung und Bewertung von ETAPPE ETAPPE ist ein psychoedukatives Entlastungstraining, das als manualisiertes Gruppenangebot entwickelt und in einer Pilotstudie bayernweit getestet wurde. Das Angebot wird von den beteiligten Beraterinnen und Beratern als gut in bestehende Strukturen integrierbar eingeschätzt, die verwendeten Methoden wurden sehr gut bezüglich ihrer Handhabbarkeit sowie der Verständlichkeit, Inhalte, Umsetzbarkeit, Zielorientierung, Abwechslung/Vielfalt, Praxisrelevanz und Layout/Gestaltung eingestuft. Unter Berücksichtigung der Einschlusskriterien konnten bei einer Ausschöpfungsquote von 89,7 % insgesamt 26 Teilnehmende, in erster Linie Frauen (92,3 %), in die an vier Standorten durchgeführte Pilotstudie aufgenommen werden. Die in ETAPPE aufgegriffenen Themen entsprechen den Bedürfnissen der Teilnehmenden. Durch das Angebot lässt sich die Belastung signifikant reduzieren. In der Katamneseerhebung, die Ergebnisse von 37 Teilnehmenden aus insgesamt sechs Standorten bayernweit umfasst, zeigt sich, dass die durch ETAPPE erreichte Reduktion der Belastung über drei Monate stabil bleibt und zusätzlich der chronische Stress abnimmt. Zudem geben die Teilnehmenden eine hohe Zufriedenheit mit den einzelnen Bausteinen sowie mit dem Angebot insgesamt an. Zusammenfassend zeigen die Resultate der Prozess- und Ergebnis-evaluation, dass ETAPPE eine gute Möglichkeit bietet, Angehörige von PSG zu erreichen und sie in ihren Bedürfnissen adäquat zu unterstützen. Ergebnisse Studie 3: Machbarkeitsstudie zur Adaption als E-Mental-Health-Programm EfA Bei der Adaption des Angebots als E-Mental-Health-Programm EfA stellen sich zunächst folgende Fragen: (1) Wie kann die Zielgruppe auf das neu entwickelte Angebot aufmerksam gemacht werden? (2) Wie lange blieben Webseiten-Besucherinnen und -Besucher auf der Home-page und wie viele von ihnen meldeten sich für eine Programmteilnahme an? (3) Welche Charakteristika hatten die Teilnehmenden und in welcher Art und Weise nutzten sie das Programm? Insgesamt wurden in neun Monaten 11.552 Seitenabrufe verzeichnet, wobei ein Großteil (82,5 %) die Seite über einen Direktaufruf erreichte. Als Suchtermini bei Internetsuchmaschinen dienten in erster Linie Begriffe aus Slogan und Motto des Programms. Bei einer durchschnittlichen Konversionsrate von 3,5 % registrierten sich monatlich im Mittel 16,1 neue Teilnehmende. Die finale Stichprobe bestand aus 126 Teil-nehmenden (88,9 % Frauen; 73,0 % Partnerinnen bzw. Partner). Zwei Drittel (67,5 %) aller Teilnehmenden hatten zuvor noch keine professionellen Hilfen oder Selbsthilfeangebote in Anspruch genommen. Das gesamte Angebot wurde von mehr als einem Drittel (37,3 %) genutzt. Weitere 31,0 % beteiligten sich an mehreren Modulen, die übrigen 31,7 % beendeten ihre Teilnahme im ersten Modul. Zwischen diesen drei Gruppen fanden sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Beziehung zum bzw. zur PSG, einem gemeinsamen Haushalt oder vorheriger Unterstützung, aber bezüglich des Zeitraums, der zwischen der Nutzung des ersten und zweiten Moduls lag. Die Ergebnisse zeigen, dass grundsätzlich Angehörige mit einem E-Mental-Health-Angebot erreicht werden können. Insbesondere werden davon auch Personen angesprochen, die keine vorherigen Hilfen oder Selbsthilfeangebote in Anspruch genommen hatten. Dies unterstreicht die Bedeutung des webbasierten Ansatzes. Somit kann auf diesem Weg ein weiterer Beitrag zu einer adäquaten Versorgung dieser Klientel geleistet werden. Schlussfolgerung Die vorliegende Arbeit beleuchtet erstmalig das Versorgungssystem für PSG und ihre Angehörigen in Deutschland und identifiziert vorhandene Lücken in der Versorgung. Als wesentlicher Bestandteil werden innovative zielgruppenspezifische Angebote für Angehörige von PSG entwickelt und bewertet. Die erhobenen Daten zeigen, dass es sich bei hilfe-suchenden Angehörigen tatsächlich um eine hoch belastete, zum Teil im klinisch relevanten Bereich belastete, Klientel handelt. Dies spricht für einen hohen Hilfebedarf und die Notwendigkeit adäquater Angebote. Das Entlastungstraining ETAPPE kann gut in das vorhandene Hilfesystem integriert werden, lässt sich von Beraterinnen und Beratern effizient anbieten und zeigt signifikante, zum Zeitpunkt der Katamnese anhaltende, positive Ergebnisse. Das E-Mental-Health-Programm EfA bietet unter Nutzung neuer Medien einen niedrigschwelligen Zugang zum Hilfesystem und stellt als mögliche Ergänzung traditioneller Angebote eine gute Erweiterung des Portfolios zur Unterstützung dieser Klientel dar. Mit diesen Studien ist eine Basis für die Arbeit mit Angehörigen von PSG geschaffen. Perspektivisch gilt es, die Angebote auszubauen und weitere Lücken in der Versorgung dieser Klientel zu schließen.Background In recent years, the German gambling market has undergone numerous changes and as a consequence there has been an increase in gambling opportunities. Simultaneously, the number of people seeking help in addiction counselling centres and inpatient treatment centres has risen considerably. Therefore, Disordered Gambling (DG) has been brought to attention both in research and clinical practice. Still, there is only little support and no evaluated programmes for the families and friends of disordered gamblers, the so-called affected others. This is not only true for the German-speaking regions, but also in an international context. It is very important to support affected others adequately, because they often suffer from highly stressful living conditions. Therefore, the objective of this research is to develop and evaluate means of support for affected others of disordered gamblers. Methods As a basis, the structural characteristics of the care system for disordered gamblers were analysed, because support for affected others is fundamentally rooted in the same system. Starting from current findings regarding working with affected others of people with mental illnesses in general and of people with substance use disorders in specific, two sup-port programmes were developed. Both programmes are based on a psycho-educative concept and explicitly focus on the needs of affected others. The Easement Training for Affected Others of Problem and Pathological Gamblers – Psycho-Educative (ETAPPE) is a group programme which was tested in a total of six Bavarian facilities. In order to reduce existing barriers to treatment and to be able to support as many affected others as possible, the e-mental health programme “Don’t gamble away your life“ – Easement for Affected Others (EfA) was developed and a feasibility study was conducted to find out whether the target group could be reached. Results study 1: Analysis of the inpatient treatment system In Germany, inpatient treatment facilities focusing on addiction or on psychosomatic illness offer treatment to disordered gamblers depending on the assumed aetiology (impulse control disorder versus addiction). The care system for treatment-seeking disordered gamblers is structurally differentiated and embedded in the existing treatment system. In 2011, a total of 2,229 disordered gamblers were treated in inpatient facilities. Most of them (90 %) were male; 93 % of all treated disordered gamblers had at least one comorbid disorder. Access to treatment was mostly gained via psychosocial counselling centres. The analysis shows that facilities specialising in addiction treat less disordered gamblers per year than facilities with a psychosomatic department or both departments (29.3 disordered gamblers versus 53.3 disordered gamblers versus 76.4 disordered gamblers). Some facilities specialize on DG and treat more disordered gamblers, have a higher rate of disordered gamblers of all patients, and offer specific treatment programmes. The impact of this specialization on treatment outcome is still unclear. Support for affected family members, if any, is an add-on during rehabilitation of disordered gamblers. Results study 2: Development and evaluation of ETAPPE ETAPPE is a manualized psycho-educational training programme which was developed and tested in an explorative pilot study in Bavaria. Assessments by the participating counsellors suggested it could be easily integrated into existing treatment structures. Methods used were rated as very good concerning manageability, comprehensibility, content, practicability, target orientation, variety, practical relevance, and layout/design. Taking inclusion criteria into account, a total of 26 people (completion rate: 89.7 %) participated in the pilot study which was conducted in four Bavarian facilities. Most of the participants were female (92.3 %). Results show that issues addressed in ETAPPE are relevant for the participants and that ETAPPE contributes to the reduction of distress. The three-month follow-up study (37 participants in six Bavarian facilities) showed that the reduction of distress, achieved through participation in ETAPPE, persists; chronic stress is further reduced. Furthermore, participants reported a high level of satisfaction with the different modules and the programme as a whole. All in all, results of the process evaluation and the outcome evaluation show that ETAPPE is a good opportunity to reach affected others and to support their needs adequately. Results study 3: Feasibility study of the adapted e-mental health programme EfA There are several questions when adapting means of support for affected others as an e-mental health programme: (1) How can the target group be made aware of the newly developed programme EfA?, (2) How long did visitors remain on the website and how often did they become participants?, and (3) What were the participants’ characteristics and how did they use the programme? In 9 months, 11,552 page views were counted, with a majority (82.5 %) of all visitors arriving on the website via direct access. Those who used search engines most often used search terms including the name of the website, programme or the slogan used in print and online promotion. The mean conversion rate was 3.5 %, with 16.1 registrations per month. The final sample consisted of 126 participants (88.9 % female; 73.0 % partners). Two-thirds (67.5 %) of all participants had not used any prior professional support or self-help. More than one third (37.3 %) finished all modules, 31.0 % finished some modules, and 31.7 % stopped using the programme in the first training module. There were no significant differences between the three groups regarding their relationships with disordered gamblers, living in joint households or prior support, but there were differences regarding the time span between Modules 1 and 2. Results show that affected others can be reached by an e-mental health programme. Furthermore, people can be reached who had never had any professional support or self-help before. This stresses the importance of a webbased approach. Therefore, this programme can contribute further to adequate care for this group. Conclusion The present work examines the treatment system for disordered gamblers and affected others in Germany for the first time and identifies existing gaps in the care system. The key components are the development and evaluation of innovative means of support for affected others. Collected data shows that help-seeking affected others are indeed highly stressed, some in a clinically relevant extent. This indicates a high need of help and the necessity of adequate means of support. The easement training ETAPPE can be easily integrated into the existing treatment system, efficiently offered by counsellors, and shows persisting significant positive effects in the follow-up study. The e-mental health programme EfA offers low-threshold access to the treatment system by using new media and is a potential addition to existing means of support. These studies are a valuable foundation for working with affected others of disordered gamblers. In the long term, it is important to expand means of support for this group and fill existing gaps in the care system.deuPathologisches GlücksspielenAngehörigeVersorgungssystemPsychoedukationE-Mental-Health150Störung durch Glücksspielen : Entwicklung und Bewertung von Unterstützungsmöglichkeiten für Angehörigedoctoralthesisurn:nbn:de:bvb:473-opus4-461154