Lehrjahre : biographische Auseinandersetzungen im Kontext dualer Ausbildung




Faculty/Professorship: Fakultät Humanwissenschaften: Abschlussarbeiten ; Promotionskolleg Bildung als Landschaft 
Author(s): Erdmann, Nina
Publisher Information: Weinheim : Beltz Juventa
Year of publication: 2019
Pages: 314
Edition: 1
ISBN: 978-3-7799-6089-8
Series ; Volume: Übergangs- und Bewältigungsforschung
Supervisor(s): Scheunpflug, Annette ; Riemann, Gerhard
Language(s): German
Remark: 
Dissertation, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 2018
Abstract: 
Die Erfahrungen marginalisierter junger Menschen in den Bildungsinstitutionen sind ein vielbeachteter Gegenstand erziehungswissenschaftlicher Untersuchungen. Dabei steht auch im Fokus der Forschung, wie sich Biographien angesichts von Marginalisierung entwickeln. Wenig beachtet wurde bislang, welche Prozesse sich im Erleben bildungsbenachteiligter Jugendlicher in regulären dualen Ausbildungen rekonstruieren lassen. Duale Ausbildung als quantitativ stärkstes Setting der beruflichen Bildung jenseits des Hochschulsektors ist bisher nicht unter der Frage betrachtet worden, welche Bedeutung es für die Entwicklung von Biographien von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Minderheitszugehörigkeiten und in schwierigen Lebenssituationen entfalten kann. Einige Studien widmen sich der Erforschung der beruflichen Übergänge benachteiligter Jugendlicher oder der Lern- und Erlebensprozesse im Übergangsbereich (bspw. Giese 2011, Puhr 2011, Berg 2017). Die Übergänge benachteiligter Jugendlicher in reguläre Ausbildung werden in der aktuell auffindbaren empirischen Forschung quantitativ vor dem Hintergrund spezifischer Differenzkategorien (z.B. Migrationshintergrund, niedriger Bildungsabschluss) in großen Panelstudien (bspw. Gaupp et al. 2008, Diehl et al. 2009, Ulrich 2011) oder aber in Verschränkungen solcher Differenzkategorien und deren Bedeutsamkeit für den Übergangsprozess untersucht (vgl. Eulenberger 2013, Richter 2016, Lichtwardt 2016). Einige qualitative Studien beziehen sich auf das Phänomen der vorzeitigen Vertragslösung in regulären dualen Ausbildungen, medial-diskursiv als „Ausbildungsabbruch“ bezeichnet, jedoch ohne Fokussierung auf Benachteiligungsprozesse (vgl. bspw. Bartmann et al 2014, Klaus 2014). Damit finden sich keine Untersuchungen, die den Zusammenhang von Biographie und Marginalisierungserfahrungen im Kontext dualer Ausbildung beleuchten. Ich habe mit dieser Studie durch ein hypothesengenerierendes Verfahren an diese Lücke angeschlossen. Zentrales Erkenntnisinteresse waren die biographischen Prozesse und Biographisierungsleistungen junger Erwachsener mit Marginalisierungserfahrungen im semi-pädagogisch strukturierten Raum regulärer dualer Ausbildung.
Als gegenstandsangemessenes Vorgehen für die prozessanalytisch orientierte Fragestellung wurde die Datenerhebung und -auswertung nach der Methodologie Fritz Schützes für Erzählanalysen gewählt (Schütze 1983, 2007a und 2007b). Es wurden 20 autobiographisch-narrative Interviews mit marginalisierten jungen Erwachsenen geführt, die eine oder mehrere Ausbildungen begonnen, zum Teil vorzeitig beendet und zum Teil abgeschlossen haben. Besonderes Merkmal der Datenerhebung war der Zugang zu ehemaligen Auszubildenden in schwierigen Lebenssituationen und mit Minderheitserfahrungen im Feld: Es wurde keine spezifische Gruppe in den Blick genommen, sondern eine Auswahl der Interviewten nach den Zuschreibungen von Gatekeepern im Feld vorgenommen. Darüber hinaus wurden 20 interaktionsgeschichtlich-narrative Interviews mit Ausbildenden in kleinen, mittleren und großen Ausbildungsbetrieben geführt, um Interaktionsgeschichten zwischen Ausbildenden und Auszubildenden rekonstruieren zu können und um in der Analyse die Perspektive der Ausbildungsbetriebe einzubinden. Die Ergebnisse werden über die Darstellung von drei ausführlichen Fallrekonstruktionen in einem theoretischen Modell unter Bezugnahme auf weitere Fälle im Sample generalisiert. Das theoretische Modell zeigt Prozessformen und Biographisierungsleistungen im Umgang mit Marginalisierung im Kontext dualer Ausbildung.
Die Ergebnisse der Studie zeigen erstens, dass biographische Prozesse und das Erleben von Bildungsbenachteiligung durch den formalen Bildungsort duale Ausbildung subjektiviert sowie gleichzeitig normalisiert werden können und sich Prozesse beruflicher Interessensentwicklung in Abhängigkeit von lebensgeschichtlichen Konstellationen gestalten. Damit zeigt sich berufliche Interessenentwicklung vor und in der dualen Ausbildung in dieser Studie als Form eines Bildungsprivilegs.
Die Ergebnisse zeigen in der Triangulation mit den Ausbildendeninterviews zweitens, dass die Zeit dualer Ausbildung wichtig für das Hineinwachsen in ein berufliches Feld wird. Die Auseinandersetzung mit schwierigen Lebenssituationen und Minderheitserfahrungen in der Ausbildungssituation geschieht vor dem Hintergrund der Anforderungen des Ausbildungsberufes und tritt hinter diese zurück, wenn die Anforderungen durch die Auszubildenden bewältigt werden. Dieses Phänomen habe ich als Erfahrung feldgebundener Normativität beschrieben. Gleichzeitig ist in der Datentriangulation sichtbar geworden, dass die Beziehungserfahrungen mit Ausbildenden in der dualen Ausbildung durch reziproke Momente gekennzeichnet sind, die in Kontrast zu Beziehungserfahrungen in klassischen pädagogischen Settings stehen. Die feldgebundene Normativität, die ich als zentrales Moment der Auseinandersetzung in der Ausbildung herausgearbeitet habe, zeigt sich als entscheidend für Erfahrungen der Anerkennung für die Auszubildenden. Dabei sind Zuschreibungen von Differenz, Differenzerfahrungen und der Überwindung hierdurch entstehender Schwierigkeiten als Leistung des einzelnen Auszubildenden in den Interviews mit Ausbildenden sichtbar geworden. Differenzkonstruktionen zeigen sich in dieser Untersuchung im Kontext dualer Ausbildung nicht als reflexiv, sondern als essentialisierende Zuschreibungen.
Drittens sind verschiedene Formen biographischer Arbeit und Biographisierungsleistungen sichtbar geworden, die sich im Sample der Studie in drei Formen unterscheiden lassen. Die Biographisierungsleistungen lassen sich unterscheiden als Modus der Auseinandersetzung, als Modus der Balancierung und Konturierung sowie als Modus der Negation. In der Rekonstruktion zeigt sich, wie mit diesen Biographisierungsleistungen in unterschiedlicher Weise an das Feld und die feldgebundene Normativität angeschlossen werden kann. Formen biographischer Arbeit als Auseinandersetzung mit veränderten Lebenssituationen durch duale Ausbildung zeigen die unterschiedlichen Modi der Bearbeitung als widerständiges Handeln und Emanzipationsprozesse.
Die Ergebnisse der Studie bieten Anregungen für die Gestaltung biographieorientierter Formate in Lehr-Lernsettings in der Schulpädagogik und in der beruflichen Bildung sowie für die Anregung biographischer Arbeit in Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit. Für Forschungskontexte eröffnet diese Studie die Perspektive, Bildungsbenachteiligungsprozesse in der beruflichen Bildung systematischer zu untersuchen und dabei sowohl das Erleben des Subjekts als auch die Seite der Organisationen in den Blick zu nehmen.
Type: Doctoralthesis
URI: https://fis.uni-bamberg.de/handle/uniba/46993
Release Date: 20. December 2019